Nachdem ich lange hin und her überlegt hatte, wie ich auch bei meiner mobilen Kommunikation unabhängig von globalisierten Monopolisten werde und LineageOS irgendwie noch nicht präsent genug war, habe ich mir ein Intex Aqua Fish in Indien bestellt. Den ersten und fast schon zweiten Eindruck möchte ich gerne mit euch teilen.

sailfishLogo

Der Preis

125 Euro Artikelpreis auf Ebay
25 Euro Porto
40 Euro Nachversteuerung/Zoll usw.
= 190 Euro

Somit ist es auf Platz zwei der teuersten Smartphones, die ich mir je gekauft habe. Ein Sony mit seinen 200 Euro bleibt auf Platz eins und bildet irgendwie auch das Maximum, was ich bereit bin für ein Smartphone zu bezahlen.

Der Versand

Der Händler hat angegeben, dass es mehrere Wochen dauern kann, bis das Smartphone geliefert wird. Nach einer Weile bekam ich nasse Füße und fragte mal nach, worauf ich diese schöne Antwort bekam:

ACTUALLY ITS A LONG PROCEDURE
AS U BUY ITEM I BUY FROM COMPANY THEN I PACK AND SHIP TO DHL OR FEDEX IN ANOTHER CITY DELHI
THEN THEY PREPARE INVOICE AND ALL DOCUMENTS AND THEY TAKE SOME TIME
THEN THEY SHIP EXPORT ITEM FROM INDIA TO UR ADRESS
ONCE THEY SHIP ITEM DELIVERS IN 4 TO 5 DAYS ONLY SINCE EXPRESS SHIPPING SO
YOU WILL RECIEVE UR ITEM WITHIN ESTIMATED DELIVERY DATE DONT WORRY AT ALL FRIEND

Also warten. Und so nach 5 Wochen kam es dann auch an, wie versprochen. Ich musste dann beim Zoll den Wert nachweisen, wobei eine Rechnung nicht gilt. Ich habe dann die Ebay Mails weitergeleitet und das hat denen gereicht.

Das Auspacken

Während seinem Weg nach Deutschland wurde das Paket geöffnet. Das hat man gesehen und das wurde auch vom Händler so vorhergesagt. Aber die Teile waren im Grunde originalverpackt. Das Handy kommt in einer schicken kleinen Verpackung, welche mit einem Magnetverschluss zugehalten wird. Und mal davon abgesehen, dass der Stecker des Ladekabels für europäische Steckdosen nicht geeignet ist, ist alles dabei, was man braucht. Zum Glück ist der micro-usb Stecker ja bei allen Standard (Apple mal abgesehen), danke EU.

Hülle und Stecker

Hülle und Stecker

 

Die Hardware

Der Hersteller des Handies ist Intex, ein indischer Hersteller, der durchaus auch höherwertige Smartphones mit Android im Angebot hat. Das Aquafish kann über den Hersteller leider nicht mehr bezogen werden. Die Hardware fühlt sich an, als würde man ein Handy aus Indien kaufen. 🙂 Wer ein Samsung Galaxy gewohnt ist, wird die wertige Haptik vermissen. Jedoch hat das Handy bereits jetzt den einen oder anderen Sturz schon überstanden. Die Kamera ist Schnappschusstauglich, jedoch mehr nicht. Die hier veröffentlichten Fotos wurden damit gemacht (hinterher nur verkleinert). Und der Akku hält einen Tag – bei meiner Nutzungsgewohnheit – durch. Leider ist er ebenfalls schwächer als der des Galaxies. Kurz gesagt: Wegen der Hardware habe ich dieses Handy sicher nicht gekauft, auch wenn sie für meinen Alltag ausreichende Spezifikationen aufweist.

Die Hardware

Die Hardware

Leider kann das Handy von sich selbst kein Selfie machen, trotz Frontkamera. Und nein, ein typisches Badspiegelfoto werde ich nicht machen 🙂

Das Betriebssystem

Kommen wir zum Hauptgrund, warum ich mich von meinem Samsung Galaxy S4 Mini getrennt habe – obwohl ich absolut zufrieden damit war. Das Betriebssystem basiert im weitesten Sinne auf Fedora (Spielwiese von RedHat) und ging aus den einstigen Projekten von Intel und Nokia Meego hervor. Genauer kann es der Wikipediaartikel sagen 🙂

Ein besonderes Merkmal ist, dass viele Dinge gestenbasiert ablaufen.

  • Eine App wird minimiert durch den Wisch von der rechten Kante.
  • Eine App wird minimiert und man landet in den Benachrichtigungen mit einem Wisch von der linken Kante
  • Eine App wird geschlossen mit einem Wisch von der oberen Kante
  • Die Appliste wird mit einem Wisch von der unteren Kante geöffnet
  • Innerhalb des Bildschirms nach unten wischen öffnet ein Optionsmenü und man wählt gleichzeitig aus
  • Innerhalb des Bildschirms nach rechts wischen bedeutet, dass man etwas bestätigt (oder eben in die rechte Ebene wechselt)
  • Innerhalb des Bildschirms nach links wischen heißt ablehnen (oder eben in die linke Ebene wechseln)

 

Ist man in keiner App, so gibt es fünf relevante Ansichten.

5 Ansichten

5 Ansichten

 

Die mittlere rechte ist die Hauptansicht. Hier werden alle geöffneten Apps dargestellt. Und hier zeigt sich echtes Multitasking. Native Apps zeigen noch eine kleine Auswahl an Bedienelementen an (beispielsweise hat der RSS Reader einen Vor- und Zurückknopf und zeigt die Überschriften der Nachrichten an) und alles läuft weiter, also auch Videos, Musik usw.

Mit einem Wisch vom unteren Rand lassen sich, eigentlich fast immer, die installierten Apps anzeigen.

Ist keine App geöffnet, so kann mit einem Wisch von oben der Bildschirm gesperrt werden oder das gewünschte Ambiente auswählen. Im Grunde ist das Ambiente wie eine Art Profil, wobei auch viele Designelemente individualisiert werden können. Ich glaube, dass ich “nur” Stumm, Outdoor und Safran (Standard) habe wird dem Konzept nicht gerecht aber mir reicht das völlig.

Mit einem Wisch von links werden die Benachrichtigungen – wie eben bei Android und iOS von oben – angezeigt. Schön ist, dass auch eine Wettervorschau eingebunden werden kann (Bild Mitte links). Schön zu sehen ist ebenfalls eine momentan ankommende Benachrichtigung, wie sie immer auftaucht, egal wo man sich befindet oder ob man eine App geöffnet hat.

Darüber befindet sich noch eine Ansicht mit Kurzeinstellungen. Hier kann ziemlich viel hingelegt werden, somit steht es jedem frei, worauf man schnell zugreifen will. Ehrlich gesagt finde ich es fast schon umständlich, dass man von der Multitaskansicht zwei Wischs benötigt, um da hin zu kommen, aber man gewöhnt sich ja an alles.

Das Betriebssystem läuft schön flüssig, d.h. es ruckelt im Grunde nichts. Die Ladezeiten von Apps sind recht lang. Eine App wird geschlossen, indem man entweder von oben wischt, wenn sie geöffnet ist oder, wenn sie minimiert ist, kann man sie entweder einzeln oder alle gemeinsam – aus der Multitasking-Ansicht heraus – schließen.

Schließen von Apps

Schließen von Apps

 

Apps

Es sind zwei Appstores vorinstalliert. Der Store von Jolla (finnisches Unternehmen, welches SailfishOS herausgibt) und ein zweiter Appstore. Wobei ich hier noch nicht ganz weiß, wer da dahinter steckt. Irgendwie fühlt es sich stark nach Google an (reine Vermutung). Auf jeden Fall laufen Android Apps auf SailfishOS und der F-Droid Store lässt sich aus dem Jollastore heraus mit einem Klick installieren. Zwar sehen die Android Apps irgendwie so aus als wären sie fehl am Platz und die Auswahl an nativen Apps ist wirklich toll (es gibt einen Telegram, Twitter, Libresignal usw. Nachbau) aber wer kann schon ohne die Bahnapp leben – wenn man viel unterwegs ist.

Interessant ist, dass der Jolla Store gefühlt weniger Apps im Angebot hat, als der Warehouse Store von openrepos.net.

Im System integriert ist auch ein XMPP Client. Mit diesem fühlt es sich einfach so an, als würde man eine SMSschreiben. Jedoch kann dieser keine OMEMO Verschlüsselung (es gibt einen feature request , mal sehen, wie lange so etwas dauert 🙂 ) . Daher kam ich gar nicht dazu weiter zu testen, was er noch kann. Leider sieht es dann im Appstore mit XMPP Clients eher mau aus. Ich persönlich bin dann auf Conversations aus dem F-Droid Store ausgewichen. Davon abgesehen, dass Conversations manchmal die Verbindung verliert (es verbindet gleich wieder, nervt nur die anderen Kontakte, die dann ständig on- und Offline-Meldungen bekommen) läuft es echt gut.

Generell kann das Betriebssystem mit rpm (RPM Package Manager) Dateien umgehen. Jedoch habe ich hier noch nicht viel getestet. Es ist eben ein “richtiges” Gnu/Linux Betriebssystem, welches nicht, wie bei Android, durch verschiedene Ebenen beschnitten wird.

 

Rechte

Sobald man den Entwicklermodus startet, steht einem ein Terminal zur Verfügung. Ganz im Sinne eines unabhängigen Betriebssystemes und dem Gedanken der Freien Software hat man Root-Rechte. Per SSH kann von einem Rechner aus ebenfalls zugegriffen werden.

Schön und schönheitsbedürftig

Als schön fällt mir auf, dass es sich um ein sehr “rundes” betriebssystem handelt. Die Effekte sind wohl dosiert und sind schön weich. An die Gesten gewöhnt man sich schnell und will sie nicht mehr missen. Wenn man beispielsweise etwas herunterlädt, kommt es abhängig von der Dateiart in einen separaten Ordner und nicht einfach in einen Downloadordner.

Die Bootzeit ist richtig gut. Ich hatte da mit viel längeren Wartezeiten gerechnet.

Die Tastatur ist wirklich gut gelungen. Bisher habe ich jedoch die Funktion des Autocorrect nicht gefunden. Es werden Vorschläge von halb getippten Worten gemacht, jedoch kein Autocorrect durchgeführt.

Schönheitsbedürftig ist, dass manche Wege etwas lang sind und man kann nicht aus allen Programmen heraus Copy and Paste durchführen – beispielsweise im Browser.

Wenn man beispielsweise eine SMS schreiben möchte und den Empfänger eintragen will, so kann man entweder die Nummer eingeben oder jemandem aus dem Telefonbuch aussuchen. Einfach anfangen den Namen zu tippen oder eine Nummer vervollständigen lassen (was ich bei Android oft genutzt hatte) funktioniert leider nicht.

Tastatur und Menü

Tastatur und Menü

Fazit des ersten und zweiten Eindrucks

Ich nutze das Smartphone seit wenigen Wochen im Alltag (auch geschäftlich). Jegliche Korrespondenz über verschiedene Kanäle und die Nutzung der Bahn App bewältigt das Handy mühelos. Auch wenn sich die Hardware nicht ganz so aktuell anfühlt, gibt es für mich derzeit keinen Grund SailfishOS nicht zu nutzen und weiter zu empfehlen.

Oder anders gesagt, ich bin total begeistert, dass es eine alltagstaugliche Alternative zu den etablierten Oligopolisten (fast schon Monopolisten) gibt, die mir ein Stück Freiheit, Unabhängigkeit und Mündigkeit schenkt, ohne auf mobilen Komfort zu verzichten.

 

 

 

Quellen

https://de.wikipedia.org/wiki/Jolla#Sailfish_OS ::: Deutscher Wikipediaartikel
https://en.wikipedia.org/wiki/Jolla#Sailfish_OS ::: Englischer, etwas ausführlicher, Wikipediaartikel

https://de.wikipedia.org/wiki/Jolla ::: Herausgeber des Betriebssystems SailfishOS

https://de.wikipedia.org/wiki/F-Droid ::: Store mit freien Android Apps
https://openrepos.net/content/basil/warehouse-sailfishos ::: openrepos.net Store

https://de.wikipedia.org/wiki/Extensible_Messaging_and_Presence_Protocol ::: XMPP Wikipediaartikel
https://de.wikipedia.org/wiki/OMEMO ::: XMPP Verschlüsselung
https://de.wikipedia.org/wiki/Conversations_(Instant_Messenger) ::: XMPP Messanger Conversations
https://together.jolla.com/question/133414/feature-request-omemo-support/ ::: Feature request für OMEMO mit dem XMPP Client von SailfishOS

http://intex.in/intex-sailfish-os/ ::: Hersteller Seite zu SailfishOS
http://intex.in ::: Hersteller